Story 2: Schief gewickelt.
Eine Geschichte über Traglinge, Tragetücher und Turbulenzen
an der Wursttheke.
Hallo Papa.
Ich muss dir leider sagen, dass ich nicht als Mensch zur Welt gekommen bin. Ich bin ein Tragling. Das sagt zumindest die gesamte Babykursgruppe. Ein Ableger kann ich keinesfalls sein, denn ich möchte niemals abgelegt werden. Mit einem Ableger verbinde ich auch eher unsere einsame Grünlilie, die ich aus Respekt vor der Berufsgruppe hier auf keinen Fall als schlecht gegossenes Beamtenkraut bezeichnen werde.
Bild: Kelly Sikkema / Unsplash
Zurück zu dir, Papa: Seitdem ich auf der Welt bin, haben wir uns ganz gut kennengelernt. Für mich bist du ziemlich auf Zack. Vielleicht hat meine Mutter dich deshalb darauf angesetzt, die perfekte Bindetechnik für das neue Tragetuch herauszufinden. Sie erschien mir gestern dabei leicht verzweifelt. Ob das an meinem Gebrüll lag, als ich schwitzend in kilometerlange Stoffbahnen hinein gemettwurstet wurde, möchte ich nicht kampflos unterschreiben. Aber der Begriff “Quetschie” bekam hier plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Zumindest, wenn die eigene Mutter überhaupt keinen Plan hat, wie sie ein Tragetuch babykonform um ihre Hüften schlingen soll.
Heute schlägt deine goldene Stunde. Auf youtube schauen wir uns gemeinsam ein Erklärvideo für die bewährte Wickelkreuztrage-Technik an. Dem zackigen Papa geht das natürlich alles nicht schnell genug. Also spulen wir hier und da (und wahrscheinlich an den wichtigsten Stellen) vor.
Du strahlst etwas Festzeltartiges aus, als die bunt gestreiften Tuchenden lang und locker über deinen Schultern hängen. Ein Stoffwulst kaschiert elegant den leichten Bauchansatz. Vielleicht könntest du das Tragetuch auch langfristig als Teil deines Outifits in Betracht ziehen?
Wickelkreuztrage: Bild und Erklärung von Didymos
Ready for Anhock-Spreiz-Haltung!
Ich befinde mich im Tragetuch. Du hantierst und korrigierst, raffst und zupfst und ziehst am Ende erleichtert den Knoten fest. Geschafft, alles ist total schief. Ich hänge wie ein Schluck Wasser in den Stoffbahnen. Das linke Knie habe ich noch schnell in die gewünschte Anhock-Spreiz-Haltung gepresst. Das rechte ist jenseits von Gut und Hüfte. Meine Laune verschwindet in den viel zu locker gebundenen hippiesken Streifen, doch deine Euphorie ist ungebremst:
Zack schnappst du dir mit einer Hand die Einkaufstasche, zack mit der anderen den Windelmüll. Was für ein Gefühl, beide Hände frei zu haben! Du könntest schreien vor Glück. Den Part übernehme ich an der Wursttheke dann doch lieber selbst. Nichts kann mich länger in diesem textilen Kängurubeutel halten. Du versuchst es mit sanftem Tätscheln, gutem Zureden und leichtem Hopserlauf - was ziemlich unprofessionell aussieht. Ich werde also noch deutlicher und brülle den gesamten Supermarkt zusammen.
Wann es bei dir “Klick” gemacht hat, weiß ich nicht mehr genau. Doch wir atmen beide auf, als die kompetente Trageberaterin im Babygeschäft die Schnalle des Halfbuckle-Tragesystems sanft zuschnappen lässt. Natürlich kann sie uns auch genau zeigen, was wir Zuhause bei unserem Tragetuch falsch gemacht haben.
Im Nachhinein würde ich sagen, dass wir die Minuten 6 bis 9 im Erklärvideo nicht hätten so lapidar überspringen sollen. Es wäre so einfach gewesen, Papa.
Den Halfbuckle nehmen wir mal lieber mit - genau wie das Wurstpaket, das wir vor lauter Aufregung an der Theke haben liegen lassen. Aber das bekomme ich nicht mehr mit, der Tragling ist ganz zackig eingeschlafen. Geht doch.